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Forderungskatalog
der ARMIN Arzneimittelinitiative
vom 18.06.2018

"Nehmt ARMIN als Beispiel!"

Die Pharmazeutische Zeitung zieht am 30. Juni 2022 ein ausführliches Resümee.

Die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen ermöglichte erstmals durch eine elektronische Vernetzung von Arzt und Apotheker ein strukturiertes Medikationsmanagement von multimorbiden Patienten. Nach acht Jahren läuft das Projekt aus. Hat ARMIN eine Zukunft?

Acht Jahre und drei Monate – und jetzt ist Schluss. Das Modellprojekt ARMIN, die sogenannte Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen, läuft zum 30. Juni 2022 aus. Stefan Fink, Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbands (ThAV), zeigt sich enttäuscht. "Ich bin sehr wehmütig, dass wir den betreuten Patienten keine Anschlussversorgung garantieren können. Denn die technischen Voraussetzungen, ARMIN im Rahmen einer Regelversorgung weiterzuführen, stehen seitens der Gematik aktuell nicht zur Verfügung."

Für die im Projekt eingebundenen multimorbiden Patienten, die regelmäßig mehr als fünf Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen, bedeutet dies von einem Tag auf den anderen das Ende der IT-gestützten, strukturierten Versorgung durch Arzt und Apotheker. »Die Patienten waren sehr zufrieden mit dem Konzept, dass Arzt und Apotheker sich gemeinsam intensiv um ihre Arzneimitteltherapie-Sicherheit (AMTS) kümmern«, betont Fink. Und ergänzt: "Sie fühlten sich mit dem Medikationsmanagement und der -analyse sehr sicher, weil auch OTC-Produkte und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) berücksichtigt wurden und der Arzt dadurch über alle Präparate informiert wurde, die der Patient dauerhaft einnimmt."

ARMIN-Errungenschaften in EPA umsetzen

Bis zuletzt hatten die beteiligten Projektpartner, die AOK Plus, Apotheker und Ärzte in Sachsen und Thüringen auf eine Weiterführung der ARMIN-Errungenschaften etwa durch eine Implementierung in der elektronischen Patientenakte (EPA) gedrängt. Doch die technische Umsetzung von EPA und Co. zieht sich bekanntlich. Die Beteiligten hätten der Gematik zwar ihre technischen Lösungen, die sich in der Praxis bewährt haben und die sie daher als Goldstandard sehen, gespiegelt, um sie in der EPA umzusetzen, so Fink. Und teilweise sei das auch gelungen. »Die EPA wird hoffentlich Funktionalitäten haben, die sich in ARMIN bewährt haben.« Aber weil die Entscheidungen dazu auf Bundesebene nur langsam vorankommen, gibt es nun erstmal kein Anschlussvorhaben für ARMIN.

Der Startschuss für die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) fiel im April 2014. Die Projektpartner, der Sächsische und der Thüringer Apothekerverband (SAV, ThAV), die Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen (KVS, KVT) und die AOK Plus hatten sich einiges vorgenommen: Das vom Bund geförderte Modellprojekt, ursprünglich als ABDA-KBV-Konzept gestartet, hatte das Ziel, die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung zu erhöhen und die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und Therapietreue von multimorbiden Patienten zu verbessern.

Erreicht werden sollte dies durch eine elektronisch gestützte strukturierte Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker bei der Patientenbetreuung. Das Modell war in drei Module aufgeteilt: Den Anfang machten die sogenannte Wirkstoffverordnung und der Medikationskatalog. Statt spezifischer Präparate stand auf dem Rezept lediglich der Wirkstoff, sodass der Patient in der Apotheke stets das jeweilige Rabattarzneimittel erhielt. Der von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erarbeitete Medikationskatalog wiederum lieferte eine Übersicht der für versorgungsrelevante Indikationen zugelassenen Wirkstoffe- und Wirkstoffkombinationen. Am 1. Juli 2016 startete dann mit dem Medikationsmanagement das Herzstück von ARMIN.

Zurückhaltung der Ärzteschaft

Zuletzt haben an dem Projekt nach Angaben der KV Sachsen gut 900 Apotheken und rund 550 Arztpraxen teilgenommen, knapp 7000 (zuletzt 6857) Patienten wurden betreut. Die AOK Plus bedauert nach eigenen Angaben die geringe Beteiligung über den gesamten Projektzeitraum. "Das Hauptproblem war die Zurückhaltung der Ärzteschaft," sagt Fink. Probleme machte wie aktuell beim E-Rezept und der EPA die schleppende technische Umsetzung. Dadurch sei teilweise zunächst die Arbeit der Projektteilnehmer noch erschwert statt verbessert worden, erklärt Fink.

Die Kassen hielten sich ebenfalls zurück: Als 2017 ARMIN auch für andere Kassen geöffnet wurde, hätten sich zwar immer mal wieder einzelne nach Erfahrungen des Projekts erkundigt, wollten dann aber stets die Ergebnisse der Evaluation abwarten, heißt es vonseiten der AOK Plus. "Ein regelrechtes Interesse, dem Vertrag beizutreten, wurde uns gegenüber nicht geäußert."

Wie geht es jetzt weiter? "Wir werden zwar im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistungen (phDL) Patienten hinsichtlich Medikation betreuen und beraten, aber es ist eben kein strukturiertes Management möglich", bedauert der ThAV-Vorsitzende. Vonseiten der AOK Plus heißt es zudem, in den gesetzlichen Rahmenbedingungen der pharmazeutischen Dienstleistungen fehle die Option, dass Krankenkassen regional entsprechende Leistungen vereinbaren können.
 

AOK Plus: Mortalität der betreuten Patienten gesunken

Unterm Strich scheint die Initiative auf alle Fälle ein Erfolg gewesen zu sein, wie aus dem Feedback der AOK Plus hervorgeht. "Insgesamt ziehen wir eine positive Bilanz", heißt es auf Anfrage der PZ. "Die Mortalität der teilnehmenden Versicherten ist tatsächlich gesunken im Vergleich zu Patienten, die nicht an ARMIN teilgenommen haben." Auch die KVen betonen gegenüber der PZ: "Eine wissenschaftlich unabhängig durchgeführte Evaluation bestätigt uns die positiven Effekte unseres Projekts", so eine Sprecherin der KV Sachsen, die für die ARMIN-Öffentlichkeitsarbeit federführend ist. Die engmaschige Betreuung durch Ärzte und Apotheker biete einen deutlichen Mehrwert gegenüber dem bloßen Aushändigen des Medikationsplans wie beim 2016 eingeführten Bundeseinheitlichen Medikationsplan (BMP). Die genauen Ergebnisse werden derzeit noch von der Universität Heidelberg wissenschaftlich evaluiert, der Abschlussbericht soll in den nächsten Wochen vorliegen.

Grundstein für E-Medikationsplan

Die Arzneimittelinitiative dürfte somit den Grundstein gelegt haben für ein künftiges elektronisches Medikationsmanagement. "Wir können mit Fug und Recht sagen, dass wir die Entwicklung zum online-basierten, datenschutzgerechten elektronischen Medikationsplanaustausch umgesetzt haben, lange bevor der Gesetzgeber das im Sozialgesetzbuch V festgeschrieben hat", unterstreicht eine Sprecherin der AOK Plus. Laut Gesetz soll der Fachdienst elektronischer Medikationsplan (EMP) ab Mitte 2023 verfügbar sein, laut Roadmap der Gematik dürfte es aber frühestens im Dezember 2023 soweit sein.

Wie die AOK Plus erklärt, haben die ARMIN-Vertragspartner bereits Vorschläge unterbreitet, »wie ein Daten- und Informationsmodell etwa zur Abbildung komplexer Dosierangaben in einem einheitlichen elektronischen Medikationsplanformat aussehen kann und wie die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen für eine sektorenübergreifende Erstellung und Pflege elektronischer Medikationspläne – in den verschiedenen Ausprägungen: als online EMP im zukünftigen Fachdienst oder als medizinisches Informationsobjekt in der EPA – auszugestalten sind«.

Fink: "Beispiel für zielführende Synergie der Heilberufe"

Apotheker Fink hofft nun, dass das in ARMIN erprobte Zusammenspiel künftig über die TI im Rahmen eines EPA-Fachdiensts möglich sein wird, hat aber Zweifel, was die Umsetzung betrifft. "Es gibt noch viele offene Fragestellungen", betont der ThAV-Vorsitzende. Bislang sei etwa noch unklar, wer beim elektronischen Medikationsmanagement den Hut aufhat. "Diese Analyse der Daten muss dauerhaft jemand übernehmen, die Verantwortlichkeiten müssen eindeutig geregelt sein", so Fink. Zudem sei nicht klar, wie etwa die NEM im Plan abgebildet werden könnten, da sie keine Pharmazentralnummern haben. "Bei ARMIN haben wir mit Dummies gearbeitet", erklärt Fink.

Fakt ist jedenfalls: Grundsätzlich bietet ARMIN die Blaupause für eine verbesserte, sichere Arzneimittelversorgung. Durch die "perfekt definierte Arbeitsteilung von Arzt und Apotheker" sei ARMIN ein gutes Beispiel für eine zielführende Synergie der Heilberufe, so Fink. Und ergänzt: Mit Blick auf die Unkenrufe aus der KBV hinsichtlich Impfungen und der pharmazeutische Dienstleistungen müsste man sagen: "Nehmt ARMIN als Beispiel!"

Durch das Modellprojekt gebe es nun "einen großen Erfahrungsschatz, der uns hinsichtlich AMTS enorm weiterbringt bei einer strukturierten elektronischen Versorgung des Patienten". Es gebe viele Punkte, die bei der Medikationsanalyse im Rahmen der pharmazeutischen Dienstleistungen einfließen könnten. "Wir wissen durch ARMIN nun konkret, wo wir hinwollen und was machbar ist."

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                         - Pharmazeutische Zeitung, Autorin: Ev Treboke, 30.06.2022 -